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Mit einem Schuss zum Retter geschlagen

Philipp Lahm ist nicht nur merkwürdigerweise – aber welchen Sieger hätten die Karlsberger auch sonst küren sollen – Mann des Matsches geworden, sondern tausendfacher Tiererlöser gleich dazu.

Der Direktor des türkischen Fußballverbandes Hasan Dogan ließ im Vorfeld des Halbfinales verkünden, dass er 1111 Tiere opfern lassen würde, sollte die Türkische Mannschaft als Sieger das Spielfeld verlassen. Die Niederlage der Türken erweist sich somit als Sieg für die Tiere! „Philipp Lahm ist mit seinem Schuss zum Retter von über 1000 Tieren geworden“, so Tobias Hagenbäumer von PETA Deutschland e.V.. „Ein Sieg sollte ein Freudenfest und kein Bluttbad sein.“

Was aber Philipp Lahm, Hasan Dogan, Tobias Hagenbäumer und auch die 1111 ungeopferten Tiere (die nun halt für einen anderen Grund geschlachtet werden) allesamt nicht wissen:

- 13 Steaks und 35 Bratwürste sind gestern nach Abpfiff beim hiesigen Rudelkucken noch nach dem Abpfiff von euphorisierten deutschen Fans vertilgt worden, ein Ausscheiden mit anschließendem Frustsaufen-und-dann-sofort-ins-Bett-flüchten hätte mindestens acht brandenburgischen Bio-Bisons das Leben gerettet
- einer persönlichen Umfrage zufolge nutzten drei befreundete Paare den EM-Bildausfall für diverse Zärtlichkeiten, es könnte also sein, dass der Wiener Stromausfall vielleicht einem oder zwei Menschen das Leben überhaupt erst ermöglicht hat
- das 3:2 durch Philipp Lahm, der deutsche Finaleinzug und die Jubelnacht in den Großstädten der Republik, insbesondere aber das Abfeuern von nicht hundertprozentig legalen Knallkörpern hat in der Nacht mindestens 53 streunden Hunden, Katzen und Waschbären das Trommelfell derart zerdeppert, dass selbst die PETA so etwas nicht sonderlich gutheißen kann

Übrigens schönes Grillwetter, heute.

[via]

Drei zu zwei

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Nicht mal das mit der Stromversorgung haben sie hinbekommen, die Österreicher. Nun: Finale. Béla Réthy ist als Radioreporter durchschnittlich geeignet, Philipp Lahm hat sich über seinen Siegtreffer gefreut wie mein Sohn über einen weiteren Gummiball im Kinderzimmer, und wir grüßen alle Millionen, die sich beim Public Hearing begeistern konnten.

Es fehlte nur wenig in diesem Halbfinale, ein überlanges Elfmeterschießen vielleicht. Wir hatten eine schwache DFB-Elf, Blut auf Rolfes‘ Stirn, Schweiß auf Terims Brust, zurückkommende Türken, blödsinnige Reporterfragen („Wie sehr wollen Sie jetzt das Finale gewinnen?“), wir hatten das obligatorische Poldiaufschweinitor, den klassischen Lehmannbock, den komischen Klosekopfball und dann den Philipp. Die Bundeskanzlerin kann immer noch nicht motorisch glatt klatschen, Jürgen Klopp wurde leider verabschiedet, Ingolf Lück ist leider geblieben.

Wir hatten einen mehr, einen weniger unberechtigt verweigerten Elfmeter hüben und drüben, fünf Tore in 90 Minuten in einem Halbfinale (wann gab es sowas mal zuletzt?), wir hatten Bildausfall, mir ist der Wein auf den Teppich geplumpst, der Spielmacher simst nur Comic-Buchstabenkombinationen ob seiner Bildausfallverärgerung; und am Ende kann jeder erhobenen Hauptes aus diesem Spiel gehen.

Nur dass kurtspaeter aufhört, ist schade.

Nationalmashup

Fehlt nur noch ein Sarah-Connor-Remix.

[Quelle] [via]

Ordem e progresso

Auch mit ein paar Tagen Abstand ist es noch immer schwer in Worte zu fassen, wie es die Deutsche Nationalmannschaft gegen Portugal beinahe aus dem Stand geschafft hat, eine Weltklassemannschaft auf den Rasen zu stellen. Bevor alle Viertelfinals gespielt wurden, war für mich die Mannschaft von Joachim Löw aufgrund der Vorrundenleistungen das schlechteste Team unter den besten Acht. Nach den Viertelfinalspielen musste ich meine Meinung revidieren und behaupte nun das Gegenteil: Wenn sie die taktische, spielerische und vor allem kämpferische Leistung aus dem Spiel gegen Portugal noch zwei Mal abrufen können, dann wird Deutschland ohne Wenn und Aber Europameister.

Ich gehöre nicht zu der Sorte Fan, die nach einem schlechten Spiel den Trainer in die Wüste und das Team gleich hinterher schicken möchte. Und ich kann auch nach einem guten Spiel problemlos die Füße auf dem Boden halten. Wenn es aber ein Trainer schafft, seine Mannschaft kurzfristig so extrem zu verbessern – taktisch, mental und physisch –, dann kann das kein Zufall sein. Der Trainer muss ein guter sein – und sein Team auch.

Dem Systemwechsel vom 4-4-2 auf das 4-2-3-1 ist es zuzuschreiben, dass Michael Ballack gegen Portugal so überragend agieren konnte. Im 4-4-2 ist er ein zweiter Torsten Frings, der in der Defensive Lücken stopft, Räume zustellt und daher offensiv nicht so eingreifen kann, wie es seine Stärken sind. Auch wenn er es immer betont, dass er nicht darauf besteht, offensiv zu spielen, sondern dort, wo er der Mannschaft am meisten helfen kann, war ihm die Spiel- und Einsatzfreude gegen Portugal anzusehen wie kaum zuvor.
Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger haben Ballack gegen Portugal die Rolle des Sechsers abgenommen, so dass sich Ballack zehn bis 15 Meter offensiver postieren konnte. Zusammen mit den beiden Aussen Podolski und Schweinsteiger, sowie dem Stürmer Klose, konnte das Aufbauspiel der Portugiesen oft schon in der gegnerischen Hälfte entscheidend gestört werden. Cristiano Ronaldo und Deco waren gezwungen, sich die Bälle an der Mittellinie zu holen, wo dann bereits die Aussenverteidiger und die beiden defensiven Mittelfeldspieler gemeinsam die Offensivaktionen unterbinden konnten. Bei eigenen Angriffen war Ballack nach den Verteidigern nicht die erste Anspielstation 30 Meter vor dem eigenen Tor, sondern wurde mit sicheren Pässen der beiden Sechser in der Nähe der Mittellinie bedient, wo er sich besser entfalten und die Bälle verteilen konnte.
Der Aufgabenbereich der beiden Flügelspieler Podolski und Schweinsteiger hat sich durch das neue System kaum geändert. Beide müssen viel Laufarbeit leisten, um offensiv die gegnerischen Aussenverteidiger zu binden, anspielbar zu sein und defensiv als Unterstützung für Arne Friedrich sowie Philipp Lahm bereit zu stehen. Durch den offensiveren Ballack ergeben sich für die beiden bei Angriffen mehr Freiräume, denn Ballack bindet den Sechser des Gegners in der Zentrale und sowohl Podolski, als auch Schweinsteiger eröffnen sich öfter Eins-gegen-Eins-Situationen über aussen. Einziger Kritikpunkt bei Podolski (und mit Abstrichen auch bei Schweinsteiger), ist das manchmal etwas hilflose Agieren in der Defensive. Podolski ist gelernter Stürmer und auch ein Joachim Löw kann ihm nicht innerhalb von einer Woche ein perfektes defensives Stellungsspiel beibringen. Gegen die Türkei mit Hamit Altintop auf deren rechter Seite wird Podolski aber wieder gezwungen sein, Philipp Lahm zu unterstützen.
Mirsolav Klose als einziger Stürmer hat die undankbare Aufgabe, im Alleingang die Innenverteidigung zu binden. Stößt Ballack bei Flanken als zweiter Stürmer in den Strafraum, ergeben sich für ihn Lücken, die er nutzen muss. Läuft das Spiel durch die Mitte, muss er sich etwas zurückfallen lassen, um für Doppelpässe oder abgelegte Bälle zur Verfügung zu stehen. Räume wie gegen Polen wird Klose im aktuellen System nicht mehr aufreissen können, da mit Gomez die zweite Spitze fehlt, mit dem er durch Kreuzen oder abwechselndes Fallenlassen die vertikalen Pässe in die Tiefe ermöglicht.

Das deutsche Spiel wird mit dem 4-2-3-1 insgesamt gesehen kompakter. Defensiv ergeben sich für spielstarke Gegner weniger Lücken und es steht meist ein aushelfender Mitspieler zur Seite, der eine defensive Eins-gegen-Eins-Situation verhindern kann. Offensiv wird das deutsche Spiel etwas langsamer, da in der Spitze nur ein Stürmer steht, der es allein kaum schafft, Pässe in die Tiefe zu verwerten. Das Passspiel wird aber durch die drei ballsicheren zentralen Mittelfeldspieler und die agilen Aussenspieler insgesamt kürzer und risikoloser, da der ballführende Spieler meist eine Anspieloption mehr hat, als im 4-4-2. Sichere Ballbesitze kommen dann wiederum der Viererkette zu Gute, die geordnet aufrücken und das Spiel so weiter vom eigenen Tor weghalten können.

Im neuen System gibt es zwei Opfer. Mario Gomez, der in den drei Vorrundenspielen leider nicht mal ansatzweise zeigen konnte, warum er zurecht als einer der besten europäischen Stürmer gilt. Und Torsten Frings, der verletzungsbedingt gegen Portugal fehlte und von Rolfes sowie Hitzlsperger so effektiv vertreten wurde, dass es sich das Trainerteam eigentlich nicht leisten kann, einen der beiden durch den angeschlagenen Frings zu ersetzen.

Es würde mich sehr wundern, wenn Löw und Flick heute abend nicht die gleiche Elf auf den Rasen schicken, die Portugal über drei Viertel des Spiels so beherrscht hat. Das Team wirkte trotz der Systempremiere eingespielt und jeder kannte seine Aufgaben, die mit kleinen Abstrichen (Podolski in der Defensive, Schweinsteiger mit schöpferischen Pausen zu unpassenden Augenblicken) großartig erfüllt wurden.

Sollte der Einzug der Deutschen Nationalmannschaft ins Finale heute abend schief gehen, wird es weder am System noch an der Aufstellung liegen. Einzig und allein eine falsche Einstellung kann noch zum Stolperstein gegen die ersatzgeschwächten, aber hochmotivierten Türken werden. Aber wer in einem EM-Halbfinale mit der falschen Einstellung auf den Platz geht, hätte es auch gar nicht verdient, am Sonntag im Finale zu stehen.

Was Autokorsisten wissen sollten

srg

Und so sprach der Automobilclub von Deutschland:

«Wissen sollte jeder Fußballfan, dass Autokorsos normalerweise anmeldepflichtig sind – und die Hupkonzerte und die Jubelfahrten während der WM als Ausnahmezustand geduldet werden», schrieb der Automobilclub von Deutschland vor zwei Jahren zum Sommermärchen. «Und natürlich gilt die Gurtpflicht! Auch auf den hinteren Sitzen.» Außerdem, darauf weist die Polizei hin, darf man seine Fahnen nicht weiter als vierzig Zentimeter aus dem Autofenster halten.