Auch mit ein paar Tagen Abstand ist es noch immer schwer in Worte zu fassen, wie es die Deutsche Nationalmannschaft gegen Portugal beinahe aus dem Stand geschafft hat, eine Weltklassemannschaft auf den Rasen zu stellen. Bevor alle Viertelfinals gespielt wurden, war für mich die Mannschaft von Joachim Löw aufgrund der Vorrundenleistungen das schlechteste Team unter den besten Acht. Nach den Viertelfinalspielen musste ich meine Meinung revidieren und behaupte nun das Gegenteil: Wenn sie die taktische, spielerische und vor allem kämpferische Leistung aus dem Spiel gegen Portugal noch zwei Mal abrufen können, dann wird Deutschland ohne Wenn und Aber Europameister.
Ich gehöre nicht zu der Sorte Fan, die nach einem schlechten Spiel den Trainer in die Wüste und das Team gleich hinterher schicken möchte. Und ich kann auch nach einem guten Spiel problemlos die Füße auf dem Boden halten. Wenn es aber ein Trainer schafft, seine Mannschaft kurzfristig so extrem zu verbessern – taktisch, mental und physisch –, dann kann das kein Zufall sein. Der Trainer muss ein guter sein – und sein Team auch.
Dem Systemwechsel vom 4-4-2 auf das 4-2-3-1 ist es zuzuschreiben, dass Michael Ballack gegen Portugal so überragend agieren konnte. Im 4-4-2 ist er ein zweiter Torsten Frings, der in der Defensive Lücken stopft, Räume zustellt und daher offensiv nicht so eingreifen kann, wie es seine Stärken sind. Auch wenn er es immer betont, dass er nicht darauf besteht, offensiv zu spielen, sondern dort, wo er der Mannschaft am meisten helfen kann, war ihm die Spiel- und Einsatzfreude gegen Portugal anzusehen wie kaum zuvor.
Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger haben Ballack gegen Portugal die Rolle des Sechsers abgenommen, so dass sich Ballack zehn bis 15 Meter offensiver postieren konnte. Zusammen mit den beiden Aussen Podolski und Schweinsteiger, sowie dem Stürmer Klose, konnte das Aufbauspiel der Portugiesen oft schon in der gegnerischen Hälfte entscheidend gestört werden. Cristiano Ronaldo und Deco waren gezwungen, sich die Bälle an der Mittellinie zu holen, wo dann bereits die Aussenverteidiger und die beiden defensiven Mittelfeldspieler gemeinsam die Offensivaktionen unterbinden konnten. Bei eigenen Angriffen war Ballack nach den Verteidigern nicht die erste Anspielstation 30 Meter vor dem eigenen Tor, sondern wurde mit sicheren Pässen der beiden Sechser in der Nähe der Mittellinie bedient, wo er sich besser entfalten und die Bälle verteilen konnte.
Der Aufgabenbereich der beiden Flügelspieler Podolski und Schweinsteiger hat sich durch das neue System kaum geändert. Beide müssen viel Laufarbeit leisten, um offensiv die gegnerischen Aussenverteidiger zu binden, anspielbar zu sein und defensiv als Unterstützung für Arne Friedrich sowie Philipp Lahm bereit zu stehen. Durch den offensiveren Ballack ergeben sich für die beiden bei Angriffen mehr Freiräume, denn Ballack bindet den Sechser des Gegners in der Zentrale und sowohl Podolski, als auch Schweinsteiger eröffnen sich öfter Eins-gegen-Eins-Situationen über aussen. Einziger Kritikpunkt bei Podolski (und mit Abstrichen auch bei Schweinsteiger), ist das manchmal etwas hilflose Agieren in der Defensive. Podolski ist gelernter Stürmer und auch ein Joachim Löw kann ihm nicht innerhalb von einer Woche ein perfektes defensives Stellungsspiel beibringen. Gegen die Türkei mit Hamit Altintop auf deren rechter Seite wird Podolski aber wieder gezwungen sein, Philipp Lahm zu unterstützen.
Mirsolav Klose als einziger Stürmer hat die undankbare Aufgabe, im Alleingang die Innenverteidigung zu binden. Stößt Ballack bei Flanken als zweiter Stürmer in den Strafraum, ergeben sich für ihn Lücken, die er nutzen muss. Läuft das Spiel durch die Mitte, muss er sich etwas zurückfallen lassen, um für Doppelpässe oder abgelegte Bälle zur Verfügung zu stehen. Räume wie gegen Polen wird Klose im aktuellen System nicht mehr aufreissen können, da mit Gomez die zweite Spitze fehlt, mit dem er durch Kreuzen oder abwechselndes Fallenlassen die vertikalen Pässe in die Tiefe ermöglicht.
Das deutsche Spiel wird mit dem 4-2-3-1 insgesamt gesehen kompakter. Defensiv ergeben sich für spielstarke Gegner weniger Lücken und es steht meist ein aushelfender Mitspieler zur Seite, der eine defensive Eins-gegen-Eins-Situation verhindern kann. Offensiv wird das deutsche Spiel etwas langsamer, da in der Spitze nur ein Stürmer steht, der es allein kaum schafft, Pässe in die Tiefe zu verwerten. Das Passspiel wird aber durch die drei ballsicheren zentralen Mittelfeldspieler und die agilen Aussenspieler insgesamt kürzer und risikoloser, da der ballführende Spieler meist eine Anspieloption mehr hat, als im 4-4-2. Sichere Ballbesitze kommen dann wiederum der Viererkette zu Gute, die geordnet aufrücken und das Spiel so weiter vom eigenen Tor weghalten können.
Im neuen System gibt es zwei Opfer. Mario Gomez, der in den drei Vorrundenspielen leider nicht mal ansatzweise zeigen konnte, warum er zurecht als einer der besten europäischen Stürmer gilt. Und Torsten Frings, der verletzungsbedingt gegen Portugal fehlte und von Rolfes sowie Hitzlsperger so effektiv vertreten wurde, dass es sich das Trainerteam eigentlich nicht leisten kann, einen der beiden durch den angeschlagenen Frings zu ersetzen.
Es würde mich sehr wundern, wenn Löw und Flick heute abend nicht die gleiche Elf auf den Rasen schicken, die Portugal über drei Viertel des Spiels so beherrscht hat. Das Team wirkte trotz der Systempremiere eingespielt und jeder kannte seine Aufgaben, die mit kleinen Abstrichen (Podolski in der Defensive, Schweinsteiger mit schöpferischen Pausen zu unpassenden Augenblicken) großartig erfüllt wurden.
Sollte der Einzug der Deutschen Nationalmannschaft ins Finale heute abend schief gehen, wird es weder am System noch an der Aufstellung liegen. Einzig und allein eine falsche Einstellung kann noch zum Stolperstein gegen die ersatzgeschwächten, aber hochmotivierten Türken werden. Aber wer in einem EM-Halbfinale mit der falschen Einstellung auf den Platz geht, hätte es auch gar nicht verdient, am Sonntag im Finale zu stehen.