Die Bela-Réthy-Faktenmaschine #15

Heute: Spanien


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Die Chance der spanischen Fußballnationalmannschaft auf einen Titel und damit verbunden eine Geschichte, die vor allem vom Scheitern handelt – dies alles wird in diesem Text nicht thematisiert werden. Stattdessen muss nüchtern konstatiert werden, dass Spanien – anders zum Beispiel als Portugal oder auch Zypern – schon mal Europameister war, und zwar 1964. Dann zogen es die verfeindeten Volksgruppen in Spanien vor, zwei seperate Nationalteams in Madrid und Barcelona zu gründen, seither sind so WMs und EMs ein besseres Sommerpausentheater.

Und seither trainiert ein Mann Fußballmannschaften, wie man erfolgsunabhängig schön spielt. Luis Aragones ist 69 Jahre alt, in seinem Land so beliebt wie Holger Apfel in einem alternativen Jugendzentrum und um seinen Job auch wegen der meinungsstarken und landesweiten spanischen Sporttageszeitungen nicht gerade zu beneiden. Und warum das Quadrat neu erfinden:

Das Gute an Luis Aragonés ist, dass man sich überall in Spanien auf ihn einigen kann. In jedem Ort zwischen San Sebastian und Cádiz gibt es Typen wie ihn: alte Männer im Trainingsanzug, die unter Bluthochdruck und chronisch schlechter Laune leiden und jeden daran teilhaben lassen.

Fernando „Beckham“ Torres ist so etwas relativ schnuppe, der Frühstarter vom FC Liverpool will nicht groß nachdenken und Raul hinterheulen, sondern Tore schießen. Viele und schöne Tore. So wie jene drei bei der WM 06, als die Spanier gegen Tunesien ein 0:1 in ein 3:1 drehten, wobei Raúl für den Ausgleich gesorgt hatte und bezeichnenderweise Torres nur Minuten später wachablösenderweise den Endstand herstellte. Eine Quote, die hinsichtlich der Gegner in Gruppe D noch getoppt werden könnte.

Dreiviertel aller Spiele der EM-Qualifikation blieb Spanien ohne Gegentor, daraus auf einen künftigen Welttorhüter des Jahres in den rotblauen Reihen zu schließen, stünde im Lexikon hingegen unter vermessen. Manchmal betiteln Eingeweihte die Mannschaft als rote Furie, dann muss ich immer an so manchen PDS-Parteitag kurz nach der politischen Wende denken. Und um schlussendlich den Kreis zu der sprichwörtlichen Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität zu schließen: Mit diesem ewigen Riesen-Bohei um die Seleccion und dem darauf unweigerlich folgende Ausscheiden ist die spanische Fußballnationalmannschaft ein famoses Beispiel für diese so oft geforderte Entschleunigung des Lebens, der Entkopplung von Beruf und übermäßigem Ehrgeiz, der Lossagung von alleinigem Gewinnstreben und ersatzweise Konzentration auf das wesentliche: Fußball spielen.