Ich habe zwei. Eine hängt auf dem Balkon. Eine liegt im Kofferraum. Die im Kofferraum wird nächste Woche entstaubt und feierlich gehisst. An der hinteren Seitenscheibe meines leicht angerosteten, japanischen Autos, das in der Zeit zwischen dem 7. und 29 Juni offiziell als Diplomatenwagen durch Berlin fahren wird – im Namen des jogischen Volkes.
Vor genau zwei Jahren grassierte plötzlich und unverhofft das Fahnenfieber. Jeder musste eine haben. Jeder musste sie zeigen. Am Balkon, am Fenster, am Auto, um den Hals. Gerüchte besagen, dass Fahnenhersteller an Tagen mit den größten Lieferengpässen sogar kurzerhand ihre Bestände der belgischen Flagge umgenäht haben, um möglichst viele Neu-Patrioten mit einem eigenen Deutschland-Fähnchen auszustatten.
Und wie vor zwei Jahren hier in Deutschland, wurde die Autofahne dieses Mal in Österreich pünktlich ein paar Wochen vor dem Turnier zum großen Politikum. Eine Nachrichtenagentur hatte sich Anfang Mai kundig gemacht und „herausgefunden“, dass in Österreich, wie auch in Deutschland, solche Fahnen an den Autos verboten seien. Nur an Fahrzeugen hoher Staatsbeamter sei das Anbringen einer Fahne zulässig. Eine Juristin wurde mit den Worten zitiert: „Nach dem Kraftfahrgesetz Paragraf 134 können theoretisch Strafen bis zu 5.000 Euro drohen“ und schon war der Skandal perfekt.
Nur in Nebensätzen wurde von Anfang an klargestellt, dass Polizisten während der EM einen Ermessensspielraum hätten und in der Regel von einem Bußgeld, das übrigens bei einem Erstvergehen keine 5000, sondern zwischen 36 und 72 Euro beträgt, absehen.
Die österreichischen Wogen schlugen dessen ungeachtet hoch und höher, wollte man es dem großen Nachbarn doch gern nachmachen und seinen Stolz auf das eigene Land ebenso fahnenträchtig präsentieren. Sogar die klügsten Experten des Landes gingen in Klausur:
Eine ganze Reihe von Juristen hatte sich […] mit dem Konflikt zwischen «Kraftfahrgesetz Paragraf 54» und der «Kraftfahrgesetz- Durchführungsverordnung Paragraf 26a» beschäftigt, um zu klären, ob die Wimpel nun erlaubt oder verboten sind.
Ende Mai hatte die Regierung dann ein Einsehen und verordnete per Erlass, dass vor und während der Fußball-EM das Anbringen von Fahnen am Auto erlaubt sei. Das Wahlvolk jubelte.
Weil das Thema aber zu schön ist, um einfach so geklärt zu werden, wollen nun auch andere Experten ein Fähnchen mitreden.
Wie der Österreichische Automobilclub ÖAMTC berechnete, erhöhen die flatternden Fähnchen den Fahrtwiderstand beträchtlich und führen damit zu erhöhtem Benzinverbrauch. […] „Je mehr es flattert und je schneller man fährt, umso mehr Sprit verbraucht man“ […]. Schwächer motorisierte Fahrzeuge müssten stärker gegen den Widerstand kämpfen. Wichtig sei aber auch die Größe der Fahne. Auf Überlandfahrten oder auf der Autobahn müsse man mit einem Mehrverbrauch von einem halben Liter pro 100 Kilometern rechnen.
Ein erschütternder Bericht. Fährt man also am Tag nach dem großen Triumph mit einer Autofahne Hundert Kilometer durch das Land, erhöhen sich die Benzinkosten für diese Fahrt um exorbitante 75 Cent.
Meine Oma hat am 21. Juni Geburtstag, einen Tag, nachdem ein möglicher Gruppe-B-Sieger Deutschland sein Viertelfinale gegen den Zweiten der Gruppe A absolviert hat. Sie wohnt 90 Kilometer von Berlin entfernt und wird es mir nachsehen, wenn ich dort ankomme und sage „Oma, tut mir leid, für ein Geschenk hat es leider nicht gereicht. Ich bin mit Fahne gefahren.“ „Macht ja nichts, mein Kind, dass Du da bist, ist Geschenk genug.“
[foto: flickr]
Meine, den Trend zur symmetrischen Zweiseitenbeflaggung wahrgenommen zu haben. Meine hängt im Keller und ist am oberen Rand vollkommen zerfleddert. Independent Deutschland Fahne.
Ich habe kein Auto, keine Fahne, nicht am Auto, nicht im Keller, keinen Fahnenmast und auch keine Lust auf Fahnen.
Versprochen: Ich werde mir nie, nie, nie (!) freiwillig eine Fahne zulegen, geschweige denn sie irgendwo öffentlich präsentieren und erst Recht werde ich keinen zusätzlichen Cent für Sprit ausgeben.
Nur, damit ihr es wisst.
Ich habe manchmal eine Fahne. Aber nur, wenn ich extrem viel getrunken habe. Die ist dann allerdings auch nicht schwarz-rot-gold.
Oh, lieber Herr Pleitegeier,
den werde ich in Zukunft in mein persönliches Repertoire übernehmen, wenn es gestattet ist.
Da fällt mich gleich ein Text ein, den ich in den kommenden Tagen mal vom Stapel lassen werde. Vielen Dank dafür!
Frau. Frau Pleitegeiger. Das fällt dich sofort auf, wenn du dem dem Namen hinterlegten Internetverweis folgst. Aber der Spruch stimmt, und auf den Text bin ich schon gespannt.
Herr nolookpass, wieso fällt das denn auf, ich habe kein einziges Glücksbärchi im Theme! Okay, ich hatte da gerade dieses traumatische Nachtfaltererlebnis… aber sonst…
„… dieses traumatische Nachtfaltererlebnis“ … das folgende entlarvende Überschrift trägt: Frau Pleitegeiger gegen die Mächte der Finsternis