Rückblick – Die EM 2000

Eine Premiere gab es bei der EM 2000, denn zum ersten Mal teilten sich zwei Länder die Austragung eines Turniers. Die Niederlande und Belgien hatten sich gemeinsam erfolgreich beworben. Somit konnten sich nur noch 14 weitere Teams für die Europameisterschaft qualifizieren.

Die Deutsche Nationalmannschaft bekam nach dem Viertelfinalaus bei der WM 98 einen neuen Trainer, der als „der größte Griff ins Klo“ in die Geschichte des DFB eingehen wird. „Sir“ Erich Ribbeck hatte sich mit einer Entlassung 1996 bei Bayer Leverkusen, als er die Mannschaft in einem schlechten Zustand und auf dem 13. Tabellenplatz dahinvegetierend, abgeben musste, für den Job als Bundestrainer empfohlen. Zu seinem Amtsantritt präsentierte er Uli Stielike als Co-Trainer. Ribbeck war zuvor bereits einmal bei der Nationalmannschaft beschäftigt – Ende der Siebziger bis Mitte der Achtizger als Assistent von Jupp Derwall, trat aber von seinem Posten zurück, als Franz Beckenbauer 1984 Teamchef und Ribbeck nicht berücksichtigt wurde.

Deutschland setzte sich in der Qualifikations-Gruppe als Gruppensieger gegen die Türkei, Finnland, Moldawien und Nordirland durch und wurde in die Vorrundengruppe A gelost.

Die Vorrunde der EM 2000:
Gruppe 1: Deutschland – Rumänien – Portugal – England
Gruppe 2: Belgien – Schweden – Türkei – Italien
Gruppe 3: Spanien – Norwegen – Jugoslawien – Slowenien
Gruppe 4: Frankreich – Dänemark – Niederlande – Tschechien

Im ersten Gruppenspiel Deutschlands gegen Rumänien stellte Erich Ribbeck folgende Elf auf: Kahn – Matthäus (Deisler 78.) – Babbel – Linke (Rehmer 46.) – Nowotny – Jeremies – Ziege – Scholl – Hässler (Hamann 73.) – Rink – Bierhoff. Lothar Matthäus, zu diesem Zeitpunkt bereits 39 Jahre alt, agierte als Libero hinter drei gelernten Manndeckern. Mit Mühe und Not retteten sie ein 1:1 über die Zeit. Rumänien machte bereits in der fünften Minute das 1:0, vergab aber ein ums andere Mal große Torchancen. Mehmet Scholl erzielte nach einer halben Stunde mit einem sehenswerten Fernschuss den Ausgleich, der nicht nur die Punkteteilung bedeutete. Scholls Tor sollte gleichzeitig der einzige deutsche Treffer bei der EM bleiben und das Remis bedeutete auch den einzigen Punktgewinn Deutschlands.
Im zweiten Gruppenspiel wartete England, die zuvor in einem hochklassigen Match 2:3 gegen Portugal verloren hatten. Beide Teams standen also bereits mit dem Rücken zur Wand und brauchten einen Sieg. Alan Shearer war zehn Minuten nach der Halbzeitpause zur Stelle, als er eine Beckhamflanke mit dem Kopf erreichte und Oliver Kahn überwinden konnte.

Das letzte Gruppenspiel gegen Portugal sollte dann die endgültige Blamage bedeuten. Schon zwei Tage vor dem Spiel war klar, dass die Zeit von Erich Ribbeck abgelaufen war, denn die Querelen in der Mannschaft wurden Stück für Stück an die Öffentlichkeit gebracht. Es hatte sich schon vor dem Turnier eine Gruppe von Spielern formiert, die gegen Ribbeck revoltieren wollte. Ribbeck antwortete in einer Pressekonferenz auf eine Frage zu diesem Thema mit den legendären Worten:

Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, werde ich an meiner objektiven Linie festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleichte die objektiv subjektiv geäußerten Meinungen in meine objektiven einfließen lassen.

Portugal war vor dem Deutschlandspiel bereits für das Viertelfinale qualifiziert und trat mit einer B-Mannschaft an. Deutschland brauchte einen Sieg und musste gleichzeitig auf einen rumänischen Sieg gegen England hoffen, um doch noch weiterzukommen. Sérgio Conceição erzielte alle drei portugiesischen Tore beim hochverdienten 3:0. Rumänien schaffte im Parallelspiel die Überraschung und schlug England mit 3:2. Damit waren England und Deutschland ausgeschieden. Rumänien und Portugal zogen verdient ins Viertelfinale ein. In den anderen drei Gruppen konnten sich jeweils die Favoriten durchsetzen.
Für die Portugiesen war im Halbfinale gegen den späteren Europameister Frankreich Endstation, während Rumänien im Viertelfinale gegen Italien 0:2 verlor.
Kurios war das Halbfinale zwischen Italien und den Niederlanden. Italien spielte über weite Strecken des Spiels in Unterzahl und verursachte in der regulären Spielzeit zwei Strafstöße. Jedoch verschossen sowohl Frank de Boer als auch Patrick Kluivert die Elfmeter. Das Spiel musste zum Leidwesen von Oranje dann im Elfmeterschießen entschieden werden, wo die Holländer nur einen von vier Versuchen trafen und Italien mit 3:1 ins Finale einzog.
Das Finale zwischen Italien und Frankreich war dann an Spannung kaum zu überbieten. Italien fühlte sich durch ein Tor von Marco Delveccio zehn Minuten nach der Halbzeit schon wie der neue Europameister. Doch der eingewechselte Silvain Wiltord schaffte in der 94. Minute mit einem verzweifelten Linksschuss noch den Ausgleich und rettete sein Team in die Verlängerung. Wie schon 1996 wurde der Europameister dann durch ein Golden Goal ermittelt. David Trezeguet, ebenfalls vom Trainer Lemerre eingewechselt, konnte den italienischen Torwart Francesco Toldo in der 13. Minute der Verlängerung nach einer Robert-Pires-Flanke (selbstverständlich auch eingewechselt) mit einem tollen Drehschuss überwinden. Frankreich war somit nach dem WM-Titel 1998 nun zwei Jahre später auch Europameister.

Erich Ribbeck wurde kurz nach der Europameisterschaft nach „nur“ 24 Spielen aus seinem Amt entlassen. Mit gerade mal zehn Siegen und sechs Unentschieden weist er die schlechteste Bilanz aller Bundestrainer auf. Abgelöst wurde Ribbeck durch Rudi Völler, der Deutschland zwei Jahre später zur Vizeweltmeisterschaft führte.


2 Antworten auf “Rückblick – Die EM 2000”


  1. 1 Das Blog zur EM: Was bisher geschah | EURO 2008 Pingback am 06. Juni 2008 um 16:22 Uhr
  2. 2 Euromanie // Nachspiel Pingback am 11. Juni 2008 um 12:43 Uhr
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