Rückblick – Die EM 96

Für die EM 1996 in England durften sich erstmals 16 Nationen qualifizieren, die beim Turnier in vier Vorrundengruppen á vier Teams antraten. Durch die politische Neuordnung Osteuropas schwemmten jede Menge neuer Nationalmannschaften in die UEFA, was eine Neugliederung der Qualifikation vonnöten machte. Es gab acht Qualifikationsgruppen mit sieben Mal sechs Teams und eine Gruppe mit fünf Teams. Die Gruppenerster qualifizierten sich direkt für England. Die sechs besten Gruppenzweiten waren ebenfalls direkt dabei und der 15. und letzte Startplatz – England war als Ausrichter automatisch dabei – wurde in einem Entscheidungsspiel auf neutralem Boden vergeben. In Liverpool gewann die Niederlande 2:0 gegen Irland.

Deutschlands Nationalmannschaft, die von Berti „Es riecht nach Gas“ Vogts trainiert wurde, hatte sich relativ mühelos für die EM qualifiziert. Sie konnten sich in ihrer Gruppe gegen Bulgarien, Wales, Albanien, Georgien und Moldawien durchsetzen (acht Siege, ein Remis gegen Wales, eine Niederlage in Bulgarien).

Die Vorrunde der EM 1996:
Gruppe 1: England – Schweiz – Niederlande – Schottland
Gruppe 2: Spanien – Bulgarien – Frankreich – Rumänien
Gruppe 3: Deutschland – Tschechien – Italien – Russland
Gruppe 4: Dänemark – Portugal – Kroatien – Türkei

Deutschland hatte es in der Vorrunde mit Tschechien, Russland und Italien zu tun. Im deutschen Eröffnungsspiel in Manchester gegen die Tschechen, die sich in ihrer EM-Qualigruppe überraschend noch vor den Niederlanden als Gruppenerster durchsetzen konnten, reichte ein früher Doppelschlag von Christian Ziege und Andreas Möller zum 2:0-Sieg. Die Russen wurden eine Woche später noch deutlicher mit 3:0 geschlagen. Matthias Sammer und zwei Mal Jürgen Klinsmann trafen. Vor dem letzten Spieltag der Gruppe war es spannend, denn Italien hatte überraschend gegen Tschechien verloren, so dass außer den Russen noch alle Teams Chancen auf das Viertelfinale hatten. Gegen Italien benötigte das Team von Berti Vogts ein Unentschieden. Italien musste unbedingt gewinnen, um sicher in die nächste Runde einzuziehen. Mit viel Glück und Andreas Köpke im Tor, der neben einem Elfmeter zahlreiche weitere Chancen der Italiener zunichte machte, ging das Spiel 0:0 aus, was gleichzeitig den Gruppensieg für Deutschland und das Ausscheiden Italiens bedeutete, da Tschechien gleichzeitig einen Punkt gegen Russland holte.

Im Viertelfinale ging es dann gegen Kroatien. In meiner Erinnerung ist das eines der hässlichsten Spiele, die ich je gesehen habe. Die Kroaten traten nach allem, was sich bewegt hat, egal ob in der Luft oder auf dem Boden. Jürgen Klinsmann erzielte in der ersten Halbzeit per Elfmeter das 1:0 und Matthias Sammer schaffte in der zweiten Hälfte etwa fünf Minuten nach dem Ausgleich den 2:1-Siegtreffer.

Das legendäre Wembleystadion und der Gastgeber England warteten im Halbfinale auf die Deutschen. Die englischen Medien hatten das Spiel in den Tagen zuvor mit reißerischen Artikeln und jeder Menge Nazivergleichen angeheizt.
Jürgen Klinsmann hatte sich im Viertelfinale gegen Kroatien eine Verletzung zugezogen und konnte nicht spielen. Bereits nach drei Minuten gelang Alan Shearer das 1:0, aber nur knapp eine Viertelstunde später konnte Stefan Kuntz, der anstelle von Klinsmann in der Startelf stand, ausgleichen. Da im weiteren Verlauf des Spiels keine Tore mehr fielen und auch keine Mannschaft in der Verlängerung das Golden Goal erzielte, kam es zum Elfmeterschießen.

Gareth Southgate ist seit diesem Tag seines Lebens nicht mehr froh geworden, ist er doch bis heute noch im eigenen Land regelmäßig Hohn und Spott ausgesetzt. Andreas Möller wird in Fankreisen (sprich: von mir) noch heute für seine lächerliche Pose nach dem entscheidenden Elfmeter ausgelacht.

Im Endspiel kam es dann zu einem Wiedersehen mit den Tschechen, die überraschend sowohl das Viertelfinale gegen Portugal (1:0), als auch das Halbfinale gegen Frankreich (nach Elfmeterschießen) gewinnen konnten. Das Spiel war bis Anfang der zweiten Halbzeit recht ereignislos, denn die Tschechen konzentrierten sich auf die Defensive und Deutschland war nicht in der Lage, sich klare Torchancen herauszuspielen. Nach einer Stunde gab es nach einem vermeindlichen Foul Matthias Sammers an Karel Poborsky im Strafraum Elfmeter. Patrick Berger erzielte mit Glück das 1:0. Nur zehn Minuten später glichen die Deutschen aus, als der kurz zuvor eingewechselte Oliver Bierhoff nach einem Freistoß per Kopfball traf.
In der regulären Spielzeit passierte dann nichts mehr, so dass es in die Verlängerung ging. Die UEFA hatte zuvor eine neue Regel eingeführt, bei der das Team, das in der Verlängerung das erste Tor schießt, das Spiel gewinnt.
Es waren fünf Minuten in der Verlängerung gespielt, als Oliver Bierhoff etwa 15 Meter vom Tor entfernt eine halbhohe Flanke annahm. Er stand mit dem Rücken zum Tor und hatte einen Gegenspieler hinter sich. Er täuschte eine Linksdrehung an und entschied sich dann aber dafür, den Ball auf seinen noch schwächeren linken Fuß zu legen. Der leicht verdeckte Schuss rutschte dem tschechischen Torwart Peter Kouba durch die Handschuhe und trudelte vom Innenpfosten ins Tor. Deutschland war durch dieses Golden Goal nach 1972 und 1980 zum dritten Mal Europameister.


4 Antworten auf “Rückblick – Die EM 96”


  1. 1 nolookpass 14. Februar 2008 um 0:11 Uhr

    Am stärksten in Erinnerung ist mir das Halbfinale gegen England geblieben. Zivildienst, Spätschicht, Kollege England, ich Deutschland. Ein großer Kampf. Komik (D), Tragik (ENG). Nach dem Spiel lagen wir uns fast in den Armen. Auf dem Heimweg wurden die entscheidenden Szenen mit ohne Ball nachge…, tja, …turnt, auch lernten wir die gefährliche Kombination kein Abendbrot/viel Bier etwas genauer kennen. Mit einem Wort drei Worten: Ein schöner Abend.

    Dagegen ist das im doppelten Sinne nüchterne Finale mit dem Holpertor von BWL-Bierhoff auf der elterlichen Couch nicht mehr des Kommentars wert.

  2. 2 nolookpass 14. Februar 2008 um 9:17 Uhr

    Muss doch noch mal:

    Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, setzt Berti zum Finale der Szene an: »Gebt dem Kaninchen eine Möhre extra! Es hat uns das Leben gerettet«, sagt er zum Nachbars­ehe­paar, wiederum ohne erkennbare Gefühlsregung. Ich bin zutiefst beeindruckt, sowohl von Berti als auch vom Karnickel, und stelle mir vor, wie Berti nach Oliver Bierhoffs »Golden Goal« im EM-Endspiel 1996 in der Kabine sitzt und genauso tonlos anordnet: »Gebt dem Olli ein Krombacher extra. Er hat uns das Turnier gerettet.« Oder so ähnlich. Müsste man mal nachfragen. Eilt aber nicht.

  3. 3 Spielmacher 14. Februar 2008 um 9:45 Uhr

    Dann muss ich kurz meine Story zum Finale erzählen:

    Ich habe es nicht gesehen.

    Ich weiß heute nicht mehr, welche hormonelle Störung mich da geritten hat, aber als Deutschland Europameister wurde, war ich mit meiner ersten Freundin im Blubb – einer Badeanstalt. Vorher gab es den üblichen Vorwurf: „Du liebst Fußball mehr als mich!“, auf den ich ja nicht hundertprozentig ehrlich antworten konnte. Also habe ich darauf verzichtet, Deutschlands bis heute letzten Turniersieg live zu sehen, um in einem absolut leeren Schwimmbad rumzuplantschen.

    Ich hatte das Spiel aufgenommen und wollte es mir danach anschauen, aber sobald wir die Schwimmhalle verlassen hatten, kamen uns schon die ganzen Feiernden entgegen und ich konnte mir die Spannung nicht bis zu hause aufheben.

    Und wer guckt schon Liveübertragungen als Aufzeichnung.

  1. 1 Wie ich meine Männer-Karten verlor « Die Straßen Von Berlin Pingback am 19. Februar 2008 um 16:20 Uhr
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